Vertrauen – Achtsamkeit und Softwareentwicklung (5/8)

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Vertrauen bezieht sich in der Achtsamkeit auf das eigene Bauchgefühl. Diese Attitüde soll uns davor bewahren, uns durch Over-Thinking unglücklich zu machen, auf intuitiven Entscheidungen zu vertrauen und uns selbst nicht zu sehr in Frage zu stellen.

In der Softwareentwicklung ziehe ich Kopf-Entscheidungen durchaus Bauch-Entscheidungen vor. Ich möchte schon, dass eine Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Technologie oder Architektur mit Blick auf die Zukunft und das Umfeld durchdacht ist und nicht bloß einem vagen Gefühl entspringt. Will man aber eine Lösung so lange durchdenken, bis es absolut keine Zweifel mehr geben kann, wird man niemals mit der Arbeit fertig. Hinter dieser Art von Perfektionismus versteckt sich oft Unsicherheit und hinter Unsicherheit versteckt sich mangelndes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Da schließt sich der Kreis und wir sind wieder bei der Achtsamkeit.

Was ist die häufigste Berufskrankheit bei Softwareentwickler:innen? Ich habe ein wenig recherchiert und fast nur Quellen zu körperlichen Symptomen wie beeinträchtigtes Sehvermögen[i]https://www.aerzteblatt.de/archiv/52239/Bildschirmarbeitsplaetze-eine-arbeitsmedizinische-Bewertung oder ungesunde Körperhaltung durch zu langes Sitzen[ii]https://www.boeckler.de/pdf/mbf_as_risiko_2006.pdf gefunden. Meines Erachtens sollten aber bei einer Tätigkeit die allen voran im Kopf stattfindet auch verstärkt psychische Gesundheitsaspekte berücksichtigt werden. Zwar ist es nicht als Krankheit klassifiziert, aber die meisten Softwareentwickler:innen werden es wissentlich oder nicht bereits in unterschiedlichen Ausprägungsstufen erlebt haben: Das Imposter Syndrom.

Beim Imposter Syndrom verlieren Betroffene das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Man fühlt sich, als würde man anderen nur vorspielen, etwas drauf zu haben, in Wahrheit aber nur wahllos Knöpfe drücken bis zufällig etwas funktioniert. Irgendwann, so die Befürchtung, wird auffliegen, dass man gar nicht weiß was man tut und dann ist die Schande groß. Die Kolleg:innen respektieren einen nicht mehr, man bekommt keine interessanten Aufgaben mehr, die Kündigung droht weil man im Lebenslauf geschrieben hat, man beherrsche C++ und das war ja offensichtlich eine Lüge… Natürlich stimmt nichts davon.

Der Eindruck, man würde sich selbst und alle um einen herum betrügen, kann entstehen, wenn man nach anfänglicher Euphorie plötzlich ernüchtert wird und feststellt, dass man bei weitem nicht so viel weiß, wie angenommen. Das kommt gerade bei komplexen Themen häufig vor. Etwas ähnliches beschreibt der Dunning-Kruger-Effekt, allerdings aus einer anderen Perspektive[iii]https://www.verywellmind.com/an-overview-of-the-dunning-kruger-effect-4160740. Er beschreibt, warum Personen die sehr wenig Ahnung von einem Thema haben, oftmals mit der größten Überzeugung argumentieren. Ich zweckentfremde dieses Modell, um zu verdeutlichen, wie die Ernüchterung, die letztlich auch zum Imposter Syndrom führen kann zustande kommt:

Der (erweiterte) Dunning-Kruger-Effekt und das Imposter Syndrom

Setzt man sich nur wenig mit einem Thema auseinander, erfasst man zunächst gar nicht die volle Tragweite des Themas. Es entsteht der falsche Eindruck, alles schon verstanden zu haben, weil man einfach nicht weiß, was man alles nicht weiß. Wird dieser Eindruck gestört, sinkt das Selbstvertrauen rapide. Man sieht auf einmal, dass man vorher auf dem Gipfel der Blödheit stand und behauptet hat, alles zu wissen und zu können – etwas, das man aus der jetzigen Perspektive Betrug nennen würde. Aber es war kein Betrug, denn Betrug ist vorsätzlich. Es war vielmehr ein Irrtum, und das ist jawohl erlaubt[iv]mehr dazu im Kapitel „Loslassen“ (TBA). Dass man das erkennen kann, bedeutet, dass man gewachsen ist, denn auch wenn das Selbstvertrauen gerade gesunken ist, so ist die Erfahrung doch gestiegen.

Ich habe mir erlaubt, das klassische Dunning-Kruger-Modell[v]https://github.com/dwmkerr/hacker-laws/issues/163 noch etwas zu erweitern: Üblicherweise endet die Grafik nach dem zweiten Hochpunkt, aber ich möchte explizit darauf hinweisen, dass diese Art der Ernüchterung nicht nur Anfänger betrifft, sondern immer dann auftreten kann, wenn ein neues Themenfeld angeschnitten wird.

Das Imposter Syndrom ist ein Zeichen, dass Wachstum stattgefunden hat. Wer in einem der Täler in der obigen Grafik angekommen ist und das Gefühl hat, den eigenen Fähigkeiten nicht mehr vertrauen zu können, dem:der hilft es vielleicht, sich zu verdeutlichen, dass er:sie nur deshalb in dem Tal gelandet ist, weil er:sie auf der X-Achse (Erfahrung) weiter nach rechts gewandert ist – er:sie ist ohne Zweifel erfahrener geworden, selbst wenn es sich nicht so anfühlt.

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